Dienstag, 27. November 2012

Neuer Bericht von der Vulkan- und Wasserfront:


Seit ich das letzte Mal geschrieben habe ist schon wieder einiges Neues passiert. Obwohl ich immer das Gefühl habe, ein ziemlicher Lazybone zu sein – langes Schlafen, spätes Insbettgehen, dazwischen Freizeit – es geht mir also meistens gut. In den letzten Tagen bin ich viel herumgefahren. Das Wetter war sehr wechselhaft – teilweise Nebel und Niesel, aber vor allen Dingen Kühle. Hier meine Wanderimpression vom gestrigen Tage:

Aber der Hauptgrund für mein Nichtstun ist, dass der Tongariro  Crossing gesperrt ist, den Track, den ich unbedingt gehen wollte. Konnte der Vulkan nicht eine Woche später ausbrechen?! Aber keine Zeit zum Jammern. Ich bin also nicht gewandert, sondern mit dem Auto rumgefahren, damit ich überhaupt was tue und konnte mich gestern ob des miesen Wetters zu nichts richtig entscheiden, bis ich mich endlich durchgerungen hatte, einmal um den Nationalpark zu fahren. Gesagt, getan. Weit bin ich nicht gekommen, denn just, als ich die nördliche Tangente fahre, bricht auf der Ostseite der Himmel auf ganzer Front auf und ich sehe blauen Himmel, wärmenden Sonnenschein, der den Tongariro bescheint und mit ihm die Schwefelfenster, die den „Ausbruch“ zeigen. Zwei Stunden bin ich nun diese Straße hin und her gefahren, gegangen, gestelzt, denn ich wollte unbedingt einige Fotos einfangen, so etwas habe ich noch nie gesehen!. So einen richtigen Ausbruch stelle ich mir nun allerdings etwas anders vor, nämlich lebhafter und begleitet von Knallen, Stein- und Lavaauswurf, flammendes Inferno also. Nichts von alledem war zu sehen, allerdings qualmte es bedenklich und in Sulfurgelb, schwarz und Watteweiß an drei Stellen aus dem Berg heraus und zwar unmittelbar an der Stelle, durch die der Track normalerweise führt. Also kein Wunder, dass die Behörden hier alles dicht gemacht haben (auch die Wanderhütten auf der Südseite des Vulkans) und an den Straßenzufahrten stehen sogar Wachen. Meine Laune besserte sich sofort wie ihr euch denken könnt. Plötzlich fiel mir auf, dass die Straßen mit wolllüstig saftiggelbem Ginster bewachsen sind, der im Wind wogt und die Farbpalette aufs Grellste steigerte. Jetzt zeig ich euch aber erstmal, wie ein wieder zum Leben erwachter Vulkan aussieht, nämlich so:




Auf der Westseite des Vulkanplateaus – es gibt  insgesamt 3 Vulkane (im Norden den Tongariro, nach dem der Nationalpark benannt ist – der, im Kraterbereich total zerfleddert von so vielen Ausbrüchen in der Vergangenheit, aber seit 1928 war totale Ruhe -  ist praktisch zusammengewachsen mit dem weiter südlich liegenden, ganz ebenmäßig kegelförmigen Ngauruhoe (der im „Herr der Ringe“ den entscheidenen Finalweltkrater darstellt), der also genau nur einmal ausgebrochen ist. 

Hier ein Foto, auf dem ihr seine ebenmäßige Form gut erkennen könnt.


Im Norden – dazwischen liegen etwas 3 Kilometer windgepeitschtes Hochmoor – steht dann der höchste der drei Vulkane, der Ruapehu. Letzteren habe ich – von Süden kommend – zuerst gesehen und für den Tongariro gehalten, der aber eigentlich der kleinste und unscheinbarste der drei Vulkane ist. Den habe ich schon Weitem gesehen als ich aus dem Wanganui-Nationalpark kam und den habe ich dann auch bis zur Schnellgrenze besuchen können. Eigentlich waren die Vulkanologen ziemlich überrascht, dass ausgerechnet der Tongariro ausgebrochen ist, denn alle Anzeichen wiesen auf den Ruapehu, das eben derselbe kurz vor einem Ausbruch steht – kommt vielleicht auch noch, bleibe noch ein Weilchen hier in der Gegend.




So ein Vulkan ist schon eine komische Landschaft. Normale Gebiege treten irgendwie als Masse auf, schön aufgefaltet und gegeneinander gestemmt oder einfach hochgewachsen wie ehemalige Korallenriffe. Jedenfalls treten sie in Massen, massiv, auf. Vulkane entspringen einfach dem flachen Land, erheben sich konisch und sind da. Wenn bisher nur einmal ausgebrochen, bzw. entstanden, dann ganz gleichmäßig, konisch, schwarz, mit weißem Wattehäubchen, falls Schneezeit ist (luftige Höhen erlauben solches auch im sonstigen Sommer, in Tongariro NP bis auf knapp 3000 Meter, also auch im Sommer Scheezeit) Jedenfalls wirkt so ein Vulkan schön, wie ein Diamant, aber völlig unorganisch, wie ein Raumschiff, das aufgesetzt hat.
So schlecht das Wetter gestern war, so gut war es vorgestern und auch heute. Vorher hatte ich auf gut Glück schon eine Trip in den Wanganui-Nationalpark gebucht und da hatte ich Glück. Der Wanganui-River gehört zu den sieben so genannten großen Tracks hier in Neuseeland, also zu Wanderstrecken, die ob ihrer Schönheit eine besondere Hochachtung und daraus folgend auch Ausstattungsförderung erfahren (so eine Weltnaturerbe-Ausstattung der Wanderpfade). Der Wanganui-River wird natürlich auch über einige (3) mehrtägige Wandertouren erschlossen, die tatsächlich durchs Unterholz führen. Auch hat man neuerlich einige Mountainbike-Wege hergerichtet  (die sind aber wirklich nur für Mountainbiker geeignet, gehen über Stock und Stein – im wahrsten Sinne des Wortes). Aber die Hauptsache isst die Wasserwanderung mit Kanoes und Canadiern. Die sind nun am schwierigsten zu organisieren wenn man allein reist – den für eine Person allein macht hier niemand etwas. Man muss also eine Gruppe finden. In meinem Fall war es dann so, dass ich mit dem Auto genau zu dem Camping-Platz zurückgefahren bin, auf dem ich vorgestern üernachtet hatte (ich habe also das Taxigeld gespart) und dann mit 14 anderen Leuten (genau 7 Parchen!) in einem Jetboot 32 Kilometer stromaufwärts gefahren wurde, dann ein ca. 40 minütiger Walk zu einer im Nowhere stehenden Brücke (Kaffeerast), dann den sehr bequemen Weg zurück, Jetboot-Fahrt, aber dann, ca. 13 Kilometer von dem Ausgangspunkt Pipikiri, da waren auf einer Insel aus Geröllsteinen, die der Fluss aufgeschichtet hat, einige Padelboote und eben auch ein kleines gelbes Einmann (äh-frau)kajak für mich „geparkt“. Die nächsten 3 Stunden ging es dann ans Paddeln in völliger Einsamkeit (na ja, zweimal gestört durch vorbeirasende Jetboote) – es war herrlich.






Unterwegs konnte ich meiner Tierbild-Sammlung wieder eines hinzufügen. Das ist um so erstaunlicher, als dass hier in Neuseeland wirklich vergleichsweise wenige Tiere leben. Die Wälder sind stumm – oft hört man nichts wenn keine Wind ist. Nur vereinzelt hört man Vögel, am auffälligsten die sonderbaren Laute des Tui, sehr selten Insekten (ich habe glaube ich, bisher nur zweimal eine Hummel oder Biene?, allerdings gibt es Fliegen – die Neuseeländer jubeln, denn Fliegen heißen, dass der Sommer kommt, und ekelhafte Sandfliegen, die einem gemeingefährliche Stiche beibringen) gesehen und nur eine Schmetterlingsart, eine kleine orange-schwarz gezeichnete. Es gibt wirklich hier sehr wenige Tiere. Die einzigen Tieren, die man hier öfter sieht, sind totgefahrende (killdriven) Possums. Das befriedigt dann auch noch das Jagdglück des Durchschnittsneuseeländers. Hier also meine Trophäe:

Außerdem gab es noch armdicke Aale (unser Führer Thomas schwärmte die ganze Zeit von den smoked eels) zu bestaunen (Fernaufnahme von der Brücke hinunter ins Tal):

Auf dem letzten Meter, und genau das meine ich, einen Meter bevor das Kajak aus dem Wasser gezogen werden konnte, bin ich dann doch noch gekentert und patschnaß geworden – herrliche Abkühlung, zumal ich mich ja dann auch sogleich trocken anziehen konnte. Es war ein toller Tag, der dann noch gekrönt wurde durch die freie Sicht auf die Vulkane (Kostproben meiner Bilder siehe oben). Die Brücke im Nowhere

 führte natürlich früher einmal tatsächlich in ein Somewhere. Nach dem ersten Weltkrieg hat man in dieser Gegend Parzellen für Veteranen ausgelost und bis 1984 haben die letzten drei durchgehalten. Eine Gravel-Road war – neben dem Fluss, der damals noch mit Steamdampfern befahren wurde und um die Jahrhundertwende (vom 19. zum 20.Jahr´hundert war der Fluss die Hauptverkehrsroute in Nord-Süd-Richtung), die einzige Verbindung zur Außenwelt für die Schaffarmer und die Brücke verkürzte ihren Weg erheblich. Heute führt auf der ehemaligen Verbindungsstraße (bzw. ihren Resten) die neue Mountainbike-route entlang mehr schlecht als recht – aber toll war die Strecke wohl nie. Ich glaube, die Brücke war weniger für den Verkehr als vielmehr für die Hoffnung gedacht und gebaut worden, das zeigt schon die halsbrecherische Art, in der sie gebaut wurde: 

Sie wurde tatsächlich auch kaum benutzt, denn für die Fußgänger und die Pferde, mit denen man die Wolle zur nächsten Kreuzung (ca. 50 kilometer entfernt) transportierte reichte die parallel geführte „swinging“ Bridge, deren Überreste immer noch über dem Tal hängen.

Übrigens finde ich die Ortsnamen hier einigermaßen schwer zu memorieren. Die Maorinamen klingen oft sehr ähnlich oder haben zu  viele Vokale. Obwohl meist schwer auszusprechen, haben sie jedoch allesamt auch etwas lyrisches und wenn man nicht weiß, dass es Ortsnamen sind, so fallen einem dazu vielerlei Geschichten ein, mir jedenfalls meist wild-romantische. Hier eingie Beispiele nur aus meiner jetzigen näheren Umgebung: Whakahoro, Pukaira, Maharanui, Mangapapa, Mangapurua,  Ohinepane, Ohauora, Ohopane. Einige Namen finde ich allerdings anzüglich, z.B. Pipiriki oder Pokaka. Zum Glück sprechen die Maori kein Deutsch, dann würden sie die jeweilige Eindeutigkeit verstehen, ich warte auf den Ortsnamen Pipikaka, (kaka bedeutet allerdings auf Maori Papagei und pipi „Schalentier“ ) Besonders gerne wiederholen die Maori mehrere Silben (kaka, riri, papa usw.), vielleicht zur Bestärkung? Nun ja, man kann natürlich alles akademisch nachschlagen (habe ich in meinem Reiseführer auch getan – Internet hilft manchmal auch), aber ich finde es schöner, von diesen Worten und ihren vermeintlichen Inhalten zu phantasieren.


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