Meine Lieben, gestern (mittlerweile ist es 5 Tage später,
aber zwischen zeitlich war keine Chance Internet zu bekommen!) ist es passiert!
(Naja, meiner großen Liebe bin ich noch nicht begegnet, aber…) Wider jeder
Erwartung und Hoffnung begegnete ich in den Abendstunden endlich einigen frei
herumlaufenden Pinguinen und zwar jenen der seltensten Art, nämlich den mit den
gelben Federn in der Stirn. Mein Herz schlug wild und mein Atem stockte meist
komplett, weil ich vergaß zu atmen. Wie nicht anders zu erwarten, regnete es in
Strömen (wie schon den ganzen Tag) und ich kam gegen 19 Uhr in meinem Hostel an
der südlichen Ostküste an. Die Wirtin meinte nur, sie (=die Pinguine) kommen
jetzt an Land und bevor ich mich´s versah, habe ich mir schnell meine
Regenhose, Regenjacke und meinen breitkrempigen Hut übergestülpt und los
ging´s. Ich war der erste Besucher am Ort des Geschehens. Das Tageslicht war
eingetrübt ob der Kübel voller Wasser, die über der neuseeländischen Menschheit
offenbar zu jeder Jahreszeit ausgeschüttet werden, aber ausreichend hell, den
Ort in Augenschein zu nehmen: Es handelt sich nämlich auch um einen
außergewöhnlichen Ort, eine Küstenbastion, die aus versteinertem Wald besteht.
Von der Aussichtsplattform sah man nichts, aber unverdrossen stieg ich die
Stiegen zu den Felsen hinunter und stellte mich zuerst einmal in den
Regenschutz der Treppe (der nicht ganz hielt, was er versprach, da zwischen den
Holzlatten Zwischenräume waren), damit erstens die Linse meiner Kamera nicht
voll mit Regentropfen wäre – und damit die Bildqualität eine gewisse
Qualitätseinbuße hätte hinnehmen müssen – und zweitens die Kamera nicht
vollends ihren Geist aufgäbe ob der in sie eindringenden Nässe (das Blitzlicht
funktioniert nicht mehr seit der letzten Robbenkolonie, die ich an der
Westküste besucht habe). Aber egal jetzt, mein Blick schweifte umher und sah
zuerst nichts. Aber ich hörte neben den Möwen andere Laute – junge Pinguine
schreien nach ihren Eltern, die mit dem Futter, dass sie über den Tag gesammelt
haben im Meer, zu ihnen unterwegs sind nun in der Abenddämmerung. Da …. Ein
weißer Punkt, ein sich b e w e g e n d
e r Punkt! Ziemlich weit weg, aus
Richtung Meer sich aber nähernd. Sofort – allen Regen missachtend – habe ich
meine Kamera in Anschlag gebracht und tatsächlich, mit maximaler Zoomkraft ist
ein PINGUIN zu erkennen. In meinem linken Augenwinkel bewegt sich etwas im sich
den Klippen hinneigenden Grünzeug – tata – ein zweiter Pinguin betritt die
Bühne des Geschehens. Während der Regen weiter wütet und im Hintergrund
dramatische Wellenkonstellationen sich an den Felsen brechen, habe ich nur
Augen für die Pinguinhandlung in meiner Nähe. Die beiden Akteure treffen
aufeinander, scheinen miteinander zu kommunizieren bevor sie sich in
Hab-acht-Stellung - die Flügel wie
Weihnachtsengel ausgebreitet - gegeneinander stellen. Ein dritter Pinguin
entsteigt dem Meer und hoppelt in meine Richtung – ich kann mein Glück kaum
fassen. Mittlerweile kommen immer mehr Leute, neben einem spanischen Paar, zwei
englische Freundinnen und ein paar Holländer, von denen eine Dame alle
herumstehenden Anschlagtafeln, die über das Leben der Pinguine und ihre
Seltenheit und ihre Schutzmaßnahmen erzählen, ziemlich laut ins Holländische
übersetzt (soweit ich verstehe, einigermaßen fehlerfrei, obwohl sie
offensichtlich einige Vokabeln nicht weiß). Derweil hüpft der Neuankömmling
näher und schnattert, er scheint etwas, jemanden zu suchen und tatsächlich
kommt ein weiterer Pinguin aus dem Grün (also sitzen die Jungen in der
Felsabdeckung und das wachende Elternteil kommt dem Fressen einsammelnden
Elternteil entgegen) und die beiden treffen sich und scheinen sich zu begrüßen
in einem geordneten Ritual, das in
ausführlichem Putzen mündet. Insgesamt werde ich an diesem Abend 17 Pinguine
zählen – ziemlich viele, wie mir später eine Dame im Hostel mitteilt garniert
mit dem Kommentar „Hoffentlich erholt sich die Population weiterhin – ich habe
dort nie mehr als fünf oder sechs auf einmal gesehen!“ Ich bin mittlerweile am
Ausflippen, habe schon zwei Einminütige Filme mit Pinguinen als
Hauptdarstellern gedreht des Inhalts, dass die Akteure sich schlicht bewegen,
also laufen, hüpfen, rutschen oder sonst wie ihre Position verändern. Der Wind
spielt hervorragend mit, indem er einschläft (ist ja auch die richtige
Tageszeit dafür, zum Schlafen meine ich). Irgendwann nach einer halben Stunde
merke ich, wie durchgefroren ich bin und nass trotz des Regenzeugs. Da hilft
nur eine warme Dusche und en schön heißer Pfefferminztee mit Milch. Was für ein
Erlebnis!
So verheißungsvoll hat der Tag gar nicht begonnen Eigentlich
sogar genau das Gegenteil. Die lange Strecke, die mir bevorstand, würde keine
Erlebnisse bringen, denn natürlich kann man wegen des Regenfilms keine
Landschaft erkennen, alles sieht der belgischen Küste im Spätherbst ähnlich
(von den fast dreitausend Meter hohen Bergen ahnt man NICHTS): Weiden mit Kühen
und Schafen drauf und sonst nichts außer Betrübnis. Sogar die zahlreichen
Schafe, die endlich in der Mehrzahl gegenüber den Kühen sind, blicken, kniehoch
im triefend nassen Gras stehend, ratlos, konsterniert in jedem Falle aber
mutlos in der Gegend herum, aus ihrer Wolle tropft es traurig hernieder, das
Grün, vor Grünheit strotzend, bleibt ungefressen. Ab und an erahnt man
bodennahe Feuchtigkeit im Konzentrat, also Flüsse, Meeresstrand oder
Überschwemmungen. Die größte Sensation passiert um die Mittagszeit, als ich ….
Durchfahre, dass mich stolz als Hauptstadt der Wurst begrüßt. Ich kaufe in der
Metzgerei am Straßenrand („alles hausgemacht“) drei Würste – Honig-Minze
geschmacklich grundiert und bin fasziniert von dem Fleischer, der wirklich wie
ein Fleischer aussieht – grob, großporig, rotgesichtig, übergewichtig, haarlos,
schweissnass, Schnauzer, riesige Pranken, nur die blutverschmierte Schürze
fehlt (er trägt eine saubere Schürze, nur einige Knicker drin). Jedenfalls
scheint er etwas von Würsten zu verstehen, die sehen gut aus. Und seine
zupackende Art, den Stolz, den er über seiner Arbeit verspürt, das ist
ansteckend optimistisch für den Tag. Also doch nicht umsonst gelebt!
Überhaupt:
Der Stolz auf die Arbeit hier, die Landwirtschaft! Nicht zufällig labeln sich
die Orte hier als Hauptstädte von irgendwas, was man aus dem Boden ziehen kann
oder aus Tieren herstellen kann. Die Kapitalen der Süßkartoffel und der Karotte
habe ich schon erwähnt. Auch die Hauptstadt der gumboots war mir bereits der
Erwähnung wert. Aber eigentlich eher im Spaß oder fatalistisch (je nach
Wetterlage), aber mal im Ernst – diese Titel werden hier tatsächlich stolz
getragen. Farmer zu sein ist eine durchaus prestigeträchtige Tätigkeit,
andererseits erwirtschaften 10 Prozent der in der Landwirtschaft Beschäftigten
58 Prozent des derzeitigen Bruttoinlandprodukts! Schafe sind, seit die
Nachfrage nach Wolle ins Bodenlose gesunken ist, nicht mehr das Non-plus-ultra,
sondern haben bereits ein historisches Aroma, aber als touristischer Spaß für
die Familie (Schafschurwettbwerbe, Schafrodeo, der Tag auf der Farm,
Wettbewerbe der Hütehunde u.Ä. ) reichen sie allemal. Andererseits frage ich
mich, was man hier sonst so beruflich machen kann. Es gibt praktisch keine
Industrie. Bodenschätze gibt es kaum (Gold, Silber, Jade, Arsen, Kohle – alles
Verlustgeschäfte und nicht von langer Dauer. Ihre einzige historisch zu
rekonstruierende Funktion bestand in der Erschließung des Landes, denn Städte
(na ja?) wurden gegründet, Bauern und Baumfäller folgten, die fortan das
Wirtschaftsgeschehen dominierten. Dienstleistung wird zwar groß geschrieben,
verkauft wird aber kaum Selbstproduziertes. Handelt es sich tatsächlich um
etwas in Neuseeland Hergestelltes, dann hat es auch sogleich seinen Preis, vor
allen Dingen aber, dann hat es einen „Label“ der verkündet „proudly produced in
Neuseeland“ Einfach mal 2 Bilder von der Stimmung hier:
Habe noch ein paar Bilder von den Seelöwen, die ich zwischenzeitlich
gesehen habe, hinzugefügt. Cathrin
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